Name:
Christina Leontjew
Geburtsdatum:
15.05.1989
Studium/Arbeit:
Studentin an der Universität Erfurt; im Hauptfach Philosophie; im Nebenfach Literaturwissenschaft
Hobbies:
Musizieren, Schreiben, Lesen, Beobachten, Atmen, Weltherrschaft
Geplantes/Veröffentlichtes:
arbeitet an einer Textsammlung
Lieblingszitat:
“Wer denkt, dass Volksvertreter das Volk vertreten, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten!” (Erich Mühsam)
Leseproben:
Mademoiselle
Auf den Dächern renovierter Altbauhäuser tobt die renovierte Altbaujugend, rauchend, singend, weinend, tanzend. Mademoiselle beobachtet sie abends. Gierig schaut sie aus dem Fenster. Nachts kann sie nicht schlafen weil die dicken Bücher so laut atmen. Tote Dichter schmücken ihre alte Schrankwand aus antikem Nussbaumholz. „Sie sind Pianistin, nicht wahr?“ Der junge Essensbote (wie Mademoiselle ihn zu nennen pflegt) ist stets bemüht höflich und interessiert zu wirken, das erkennt die kluge Dame und es kränkt sie meist. Unter dem breiten purpurfarbenen Hut weiß sie in solchen Augenblicken die salzig dicken Tränen zu verdecken, die viel zu oft ihre spitzen Wangenknochen hinunter kullern. „Man nennt mich Mademoiselle und alles andere über mich findest du in deinen Geschichtsarchiven. Guten Tag!“ Mühevoll kehrt sie dem Knaben den Rücken zu und faltet ihre gläsernen Fingerknöchel ineinander, darauf wartend, dass der junge Mann lautlos die Stube verlässt. Eine Zeitverschwendung ist das, und diese Lady hat wenig Zeit, da sie meistens damit beschäftigt ist, jeden Tag das Ein-und Ausatmen abzuwarten, die stille Größe in der eigenen Schwäche zu ertränken und den Klängen eines stummen Klaviers zu lauschen. Jedes Jahr im Frühling wartet Mademoiselle auf den Herbst und jedes Jahr im Herbst ist sie enttäuscht, dass sie gewartet hat, denn die Blätter werden nie wieder so farbenfroh, wie damals, als sie auf den Dächern tanzte. Heute sind die Menschen erdrückend grau, der Regen nicht mehr so nass und das Ozonloch viel zu groß.
